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Nachteinsatz mit Nadel und Faden

Sie kamen in der Nacht. Ihr Ziel waren die Säulen nahe der Frankfurter Schirn und ihre Botschaft eindeutig: Freude verbreiten durch kreative Handarbeit. Das ist dem Kollektiv Yarn Gang gelungen. Ihre gehäkelten Wolkenkratzer und gestrickten Straßenszenen erfreuen seit kurzem die Besucher der Neuen Altstadt – und bleiben hoffentlich bis zur Creativeworld im Januar erhalten.

Strick Polizeiauto

Das Projekt „Wollkenkratzer“ ist das erste Guerilla-Knitting-Projekt der 15-köpfigen Gruppe rund um Elke Hahn und David Wasser. Aus 35 Kilogramm Wolle und 100 Kilometern Faden haben sie ein Jahr lang gehäkelt und gestrickt. Zusammengefügt entstand ein wollig-schönes Frankfurt mit vielen originellen Ideen und noch mehr Liebe zum Detail. Die umhäkelten Säulen werden zu Hochhäusern, auf dem Geländer fahren Autos und ein „Römerbus“, es tummeln sich Hunde und sogar Baustellen und Ampeln gibt es im bunten Miniatur-Frankfurt. Über ihnen Wolken, die strahlende Sonne und ein Zeppelin – alles Masche um Masche handgemacht.

Bestrickte Frankfurter Altstadt Fotorechte: @Strikkebild (Meike Voigt)
Fotorechte: @Strikkebild (Meike Voigt)

Die Idee zu dieser Stadtverschönerung durch „Garngraffiti“ entstand beim YarnCamp 2018 in Frankfurt, ganz in der Nähe des „Tatorts“. Koordinator David Wasser hat den Messeturm gehäkelt und die Arbeiten koordiniert. Im Interview steht er uns Rede und Anwort.

Herr Wasser, wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für Kunstwerke aus Garn und Wolle?

„Ich bin fast 60 Jahre alt und in den USA groß geworden. Meine Mama hatte einen Handarbeitsladen, dort habe ich stricken und häkeln gelernt. Mit 13 habe ich aufgehört und mit 25 wieder angefangen, weil ich einen bestimmten Pulli stricken wollte, den ich unbedingt haben musste, der aber im Laden zu teuer war. Als ich dann den Künstler Kaffe Fasset entdeckt habe, war ich so inspiriert, dass ich seither am liebsten sehr bunt mit Wolle male. So nenne ich das.“

Wie kam die Idee zustande, mit Urban Knitting die Wolkenkratzer und Autoschlangen in die Frankfurter Altstadt zu bringen?

„Die Idee enstand auf dem YarnCamp 2018, einem Treffpunkt für Menschen wie mich, die gerne stricken und häkeln. In einer Session habe ich Elke Hahn zugehört. Sie berichtete von den 111 Pfostenmützen, mit denen sie die Plaza der Messe Stuttgart verschönert hat. Beim Austausch mit ihr und den anderen Handarbeitsbegeisterten wurde die Idee geboren. Thema und Ort waren schnell gefunden und so haben wir ein Jahr später am Vorabend des YarnCamps 2019 in dreistündiger Nachtarbeit alles angebracht. Die meisten in unserer Gruppe sind nicht aus Frankfurt und waren wegen des YarnCamps in der Stadt, der sie nun eine wollene Liebeserklärung gemacht haben.“

Messeturm Fotorechte: @Strikkebild (Meike Voigt)
Fotorechte: @Strikkebild (Meike Voigt)

Wie wird das Projekt aufgenommen?

„Es wird super aufgenommen! Zum einen von den Leuten, die einfach so vorbeikommen und sich über das farbenfrohe Städtchen freuen. Zum anderen von den Touristen, die mittlerweile von den Stadtführern auch Informationen zu dem Projekt bekommen. Sie haben sich schlau gemacht auf unserer Webseite „Wollkenkratzer“. Die Presse hat auch schon super viel über uns berichtet, was uns sehr freut. Ich möchte an dieser Stelle unseren Sponsor erwähnen: Schachenmayr hat uns die Wolle gestellt, sogar an einzelne Adressen haben sie Material geschickt, das war einfach toll.“

Gab es eine Rückmeldung von der Stadt, wie es mit dem Verbleib des Kunstwerks bestellt ist?

„Wir haben keine Genehmigung, wir machen Guerilla Knitting (lacht). Die Polizei Frankfurt hat schon auf ihren Social-Media-Kanälen das Polizei-Auto kommentiert. Ich denke, keiner will es weg haben.“

Das bleibt zu hoffen! Denn auch was für so viel Begeisterung sorgt, ist nicht gefeit vor Vandalismus oder Wind und Wetter der kalten Jahreszeit. Deshalb drücken alle Fans des Garn-Graffitis nun die Daumen, dass das Kunstwerk möglichst lange erhalten bleibt. Mit etwas Glück macht es dann noch im Januar den Besuchern und Ausstellern der Creativeworld eine Freude.